Wenn Eltern Hilfe brauchen: Entlastung für pflegende Angehörige
Europäischer Tag der pflegenden Angehörigen am 6. Oktober
Hanau/Bad Salzschlirf – Wenn ein Ehepartner plötzlich pflegebedürftig wird oder die Mutter nach einem Krankenhausaufenthalt nicht mehr allein zurechtkommt, stehen Angehörige oft vor einer Aufgabe, auf die sie kaum vorbereitet sind. Zum Europäischen Tag der pflegenden Angehörigen am 6. Oktober weist die Martin Luther Stiftung Hanau darauf hin, dass Pflege nicht allein getragen werden muss. Entscheidend ist, frühzeitig Hilfe anzunehmen und Verantwortung zu teilen.
Erst durchatmen, dann Rat holen
Wer plötzlich mit einer Pflegesituation konfrontiert wird, sollte möglichst früh nach Entlastungsmöglichkeiten suchen, empfiehlt Nicole Trebert von der Martin Luther Stiftung. „Nehmen Sie sich eine Stunde Zeit, atmen Sie durch und holen Sie Rat ein“, sagt die Leiterin des Pflege- und Beratungszentrums Haus Waldeck in Bad Salzschlirf. Niemand müsse von Anfang an alle Leistungen, Anträge und Hilfsangebote kennen. Dafür gibt es Beratungsstellen und Fachkräfte, die Orientierung geben. Trebert bietet beispielsweise monatlich offene Beratungsabende an.
Ambulante Unterstützung früh einbinden
„Viele Menschen wenden sich erst an einen Pflegedienst, wenn bereits eine Krise eingetreten ist“, weiß Dorothea Bader, Bereichsleitung ambulante Pflege in der Martin Luther Stiftung Hanau. „Oft ist es sinnvoll, schon vorher Kontakt aufzunehmen. Dann gibt es eine feste Ansprechperson, welche die Situation kennt und gemeinsam mit den Angehörigen passende Unterstützung planen kann.“ So müssen Familien nach einem Krankenhausaufenthalt oder einer plötzlichen gesundheitlichen Verschlechterung nicht unter großem Zeitdruck nach Lösungen suchen.
Nach Baders Erfahrung gelingt der Einstieg oft in kleinen Schritten. „Pflege beginnt nicht zwingend mit Körperpflege“, sagt sie. Häufig helfen zunächst haushaltsnahe Dienstleistungen, Betreuungsangebote oder Essen auf Rädern.
Pflegekraft als Lotse und Brücke zum Hausarzt
Ambulante Pflegekräfte können dazu beitragen, gesundheitliche Veränderungen früh zu erkennen. Angehörige bemerken nicht jede Entwicklung sofort. Pflegefachkräfte sehen oft rechtzeitig, wenn sich der Gesundheitszustand verschlechtert. „Sie erkennen auch, welcher Teppich ein Sturzrisiko darstellt, oder können Hilfsmittel empfehlen, etwa einen Haltegriff in der Dusche oder einen Duschhocker“, sagt Bader. Auch der Austausch mit Hausärzten wird einfacher, wenn Pflegefachkräfte ihre Beobachtungen mit Einverständnis der Betroffenen weitergeben.
Professionelle Pflegekräfte übernehmen zudem medizinische Aufgaben, etwa die Gabe von Medikamenten. Besonders bei chronischen Erkrankungen wie Diabetes hilft das, Behandlungen zuverlässig umzusetzen und Folgeerkrankungen zu vermeiden. Gerade wenn pflegende Angehörige selbst älter werden, kann das eine wichtige Entlastung sein.
„Wer einen Angehörigen pflegt, ist oft mitten im Geschehen: als Tochter, Sohn, Ehepartner oder Freundin. Eine Pflegefachkraft bringt den fachlichen Blick von außen ein“, sagt Bader. Von beiden Perspektiven profitieren Pflegebedürftige häufig gleichermaßen. Mit Blick auf die aktuelle Debatte um die Pflegereform ergänzt sie: „Pflegende Angehörige tragen eine große Verantwortung. Umso wichtiger sind auch in Zukunft verlässliche Unterstützungsangebote, die Familien frühzeitig entlasten.“
Entlastung Schritt für Schritt organisieren
Auch Tagespflege und Kurzzeitpflege können Angehörige entlasten. In der Tagespflege gewinnen sie Zeit für Beruf, Erledigungen oder eine Pause vom Pflegealltag. Pflegebedürftige Menschen verbringen den Tag in Gesellschaft, essen gemeinsam und tauschen sich mit anderen aus.
Während Angehörige Urlaub machen, können Pflegebedürftige im Rahmen einer Kurzzeitpflege ein Pflegeheim kennenlernen. Pflegeheimleiterin Trebert erinnert sich an zwei ältere Damen, deren Familien ihre Urlaubszeiten über Jahre hinweg aufeinander abgestimmt hatten. So konnten die beiden Freundinnen gemeinsam zur Kurzzeitpflege kommen. „Abends haben sie ein Glas Sekt getrunken und Rummikub gespielt. Das war auch für sie eine schöne Auszeit.“
Auftanken nicht vergessen
„Viele Angehörige starten mit dem Gedanken: Ich muss das alleine schaffen“, sagt Nicole Trebert. „Langfristig gelingt Pflege jedoch besser, wenn mehrere Menschen Verantwortung übernehmen.“ Wer dauerhaft alles allein trage, riskiere körperliche und seelische Erschöpfung. Trebert rät deshalb, eigene Bedürfnisse nicht aus dem Blick zu verlieren: „Verzichten Sie nicht auf gesellige Abende mit Freunden, den Friseurbesuch oder den Yogakurs. Auch Ihren Angehörigen hilft es, wenn Sie regelmäßig Kraft tanken.“ Ihr Plädoyer lautet deshalb: Gute Unterstützung beginnt dort, wo Angehörige ihre eigenen Grenzen ernst nehmen und Pflege gemeinsam mit professionellen Pflegekräften, Beratungsstellen und weiteren Hilfsangeboten organisieren.


