Von Christina Lademann, Leiterin der Pflegeakademie, und Sascha Lippert, Leitung Zentrale Ausbildung, Martin Luther Stiftung Hanau
Die Ausbildung in der Altenpflege steht vor einer grundlegenden Veränderung. Nicht, weil sich die Inhalte stark gewandelt hätten – sondern weil sich die Voraussetzungen der Auszubildenden verändert haben. In den Ausbildungskursen treffen heute sehr unterschiedliche Lebensrealitäten aufeinander: junge Menschen mit Brüchen in der Bildungsbiografie, Auszubildende mit Fluchterfahrung, unterschiedliche sprachliche Voraussetzungen und persönliche Belastungen. Diese Vielfalt ist keine Ausnahme mehr, sondern prägt den Ausbildungsalltag.
Die Herausforderungen der Pflegeausbildung haben sich verändert
Damit verändert sich auch die zentrale Anforderung an Ausbildung. Fachwissen allein reicht nicht mehr aus. Ausbildung muss heute sowohl Wissen vermitteln als auch die Voraussetzungen dafür schaffen, dass Lernen gelingen kann.
Die Martin Luther Stiftung Hanau hat darauf reagiert, indem sie ihre Ausbildung weiterentwickelt hat. Entscheidend ist dabei nicht eine einzelne Maßnahme, sondern das Zusammenspiel mehrerer Elemente, die ineinandergreifen.
Zentrale Praktische Ausbildung sorgt für Orientierung
Ein zentraler Baustein ist die Zentrale Praktische Ausbildung (ZPA). Ein Team freigestellter Praxisanleiterinnen begleitet die Azubis durch die gesamte Ausbildungszeigt und sorgt dafür, dass die praktische Ausbildung an den verschiedenen Einsatzorten nicht dem Zufall überlassen bleibt, sondern gezielt gesteuert wird. Praxis wird damit zu einem strukturierten Lernraum. Für die Auszubildenden bedeutet das mehr Orientierung und Verlässlichkeit. Für die Einrichtungen bedeutet es Entlastung, weil Ausbildung nicht zusätzlich organisiert werden muss, sondern Teil eines Systems ist.
Skills Lab als dritter Lernort
Ergänzt wird dies durch neue Lernformate wie das Skills Lab, das als dritter Lernort neben Schule und Praxis fungiert. Hier können Auszubildende pflegerische Situationen unter realistischen Bedingungen trainieren, Abläufe einüben und Sicherheit entwickeln, bevor sie im Berufsalltag angewendet werden. Simulation schafft einen geschützten Raum, in dem fehlerfreundliches Lernen möglich ist.
Doch selbst eine gut strukturierte Ausbildung und moderne Lernsettings lösen eine zentrale Herausforderung nicht vollständig. Viele Probleme entstehen nicht im Unterricht und nicht in der Praxis – sondern außerhalb. Persönliche Belastungen, Unsicherheit, finanzielle Sorgen oder schwierige Lebenssituationen wirken unmittelbar auf die Ausbildung ein. Wenn sie unbeachtet bleiben, destabilisieren sie den gesamten Ausbildungsprozess.
Sozialpädagogische Begleitung fördert fachliche Entwicklung und persönliche Stabilisierung
Deshalb wird die Ausbildung in der Martin Luther Stiftung ergänzt durch eine enge Zusammenarbeit mit der Jugendwerkstatt Hanau. Die sozialpädagogische Begleitung unterstützt Auszubildende gezielt dort, wo klassische Ausbildung an ihre Grenzen stößt: bei persönlichen Krisen, bei Lernproblemen, bei Übergängen oder bei grundlegenden Zweifeln an der Berufswahl.
Diese Begleitung wirkt in beide Richtungen. Sie stabilisiert Ausbildungsverhältnisse und hilft, Ausbildungsabbrüche zu vermeiden. Dabei gehört auch zur Realität: Ausbildung gelingt nicht immer – oder nicht immer auf Anhieb. Gute Ausbildung bedeutet deshalb nicht, jeden zu halten, sondern jeden gut zu begleiten. Deshalb ermöglicht die sozialpädagogische Begleitung auch, frühzeitig alternative Wege zu entwickeln, wenn sich zeigt, dass die Pflege nicht der passende Beruf ist.
Ausbildungsmodell trägt dazu bei, Ausbildung nachhaltig zu sichern
Die Erfahrung zeigt: Wenn Auszubildende stabil sind, lernen sie besser. Prüfungen werden erfolgreicher absolviert, Nachprüfungen besser bewältigt, und die Ausbildung verläuft insgesamt verlässlicher. Gleichzeitig werden schulische und praktische Lernorte entlastet, weil sie sich stärker auf ihre eigentliche Aufgabe konzentrieren können. Insgesamt trägt dieser Ansatz dazu bei, Ausbildung nachhaltig zu sichern und den Fachkräftebedarf in der Pflege besser abzudecken.
In der Verbindung dieser Elemente wird deutlich, dass Pflegeausbildung heute anders gedacht werden muss. Sie ist nicht mehr allein die Vermittlung von Fachwissen, sondern ein Prozess, der fachliche Entwicklung und persönliche Stabilisierung miteinander verbindet.
Dieses Verständnis entspricht auch dem Selbstverständnis der Martin Luther Stiftung Hanau als diakonischer Träger. Der Mensch steht im Mittelpunkt – mit seinen Fähigkeiten ebenso wie mit seinen Herausforderungen. Ausbildung wird damit nicht nur als Qualifizierung verstanden, sondern als Begleitung auf dem Weg in einen Beruf und in ein stabiles Arbeitsleben.
Kurz: Eine Ausbildung, die Fachlichkeit und Stabilität zusammendenkt, ist nicht nur erfolgreicher. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass Pflegeausbildung unter heutigen Bedingungen überhaupt funktionieren kann.
Podcast: Pflegeausbildung – Halt statt Abbruch
Wie können Auszubildende in der Pflege erfolgreich begleitet und Ausbildungsabbrüche vermieden werden? Darüber und über die Bedeutung sozialpädagogischer Unterstützung spricht Elisabeth Scharfenberg, Vorständin der Korian Stiftung, im Podcast „Fokus Pflege“ mit Christina Lademann, Leiterin der Pflegeakademie der Martin Luther Stiftung Hanau.

